31.01.2020
Mensch sein

Anlässlich der Gedenkveranstaltung "Wider das Vergessen - Reflexionen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts" wandte sich Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), mit einem Grußwort an die Öffentlichkeit:  

„Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren Flugs zur Stadt.
Bald wird es schnei'n. Weh dem, der keine Heimat hat.“

Friedrich Nietzsche, dieser Pfarrersohn aus Röcken, schreibt ein Gedicht: „Vereinsamt“. So heißt es. Dieses Gesicht erinnert an biblische Bilder: an die Sintflut, als sich alle Brunnen der großen Tiefe und die Fenster des Himmels auftaten und ein Regen kam auf Erden: vierzig Tage und vierzig Nächte. Und daran, dass die Wasser allmählich zu sinken begannen, und Noah die Hoffnung auf grüne Auen im Herzen und vor Augen hatte, das Fenster der Arche öffnete und zuerst einen Raben ausfliegen lässt. Dieser fliegt hin und her, her und hin, findet keinen Platz in der ertrunkenen Welt – er verschwindet aus dieser ganzen Geschichte. Nie wird er wieder genannt. Er bleibt verloren. Geblieben ist die Taube, die beim zweiten Versuch mit einem Ölzweig im Schnabel zurück zur Arche kam.

Der Rabe, der keinen Ort findet, an dem er leben kann, ist so zum Zeichen der absoluten Heimatlosigkeit geworden. Aber auch der Rabe muss heimkommen. Aber auch der Rabe muss heimgeholt werden, denn die Erde ist die Heimat aller Lebenden!

Die Geschichte jedoch verlief anders: Das Bild des nach Heimat suchenden Raben wurde als heimatverlorene Krähe auf mittelalterlichen Altären und im Schnitzwerk gotischen Chorgestühls auf das Volk Israel übertragen. So wie der Rabe keine Heimat findet, findet Israel auch keine, will dieses Bild sagen. Friedrich Nietzsche ist es, der diese Bildtradition der Verwerfung Israels befreit und sie wendet zur Existenzaussage über das MenschenSEIN in der Welt: Mit den Krähen muss der Mensch heimkehren. "Bald wird es schnei'n. Weh dem, der keine Heimat hat.“

Die Winterreise aller Menschen hat längst begonnen. Nun liegt aber alles daran, dass der Mensch dahin gelangt, woher er einst kam, dass er Heimat gewinnt. Eben dass der Rabe die ausgestreckte Hand findet, auf die er sich setzen kann. Und wir Menschen den Ort finden, an dem wir leben.
Heimat also darf nicht verloren gehen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir uns niederlassen können. An dem wir körperlich und geistig zu Hause sind. Denn wir wissen es: Heimat ist nicht nur ein Ort, Heimat ist auch Erinnerung. Heimat ist Leben. Heimat ist Zukunft. Und darum, liebe jüdische Gemeinde, bin ich sehr dankbar, dass wir heute hier im Kulturzentrum der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, mitten in Erfurt, am Juri-Gagarin-Ring stehen und sitzen und erinnern. Nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern wegen der Zukunft.

Als an Jom Kippur die Hallenser Synagoge beschossen wurde und ihr wie so oft in der Geschichte erfahren musstet, dass der Hass wieder einmal stärker als die Versöhnung ist. Als ihr angegriffen wurdet aus nur einem einzigen Grund: weil ihr Juden seid! Da haben wir alle gesehen, wie sehr auch gerade gewonnene Heimat wieder bedroht ist.

Aber jetzt, liebe jüdische Gemeinde, das sollt Ihr wissen: jetzt lassen wir euch nicht allein! Unsere Heimat, unser Leben – wir stehen zusammen!
Wir stehen als Kirche und als Christen an Eurer Seite. Wir stoßen Euch nicht weg, nie wieder, wir öffnen unsere Arme, wir sind bei Euch! Das sollt Ihr wissen!