21.05.2019
Gleichstellung

"Stellt euch nicht dieser Welt gleich", sagt die Bibel. Doch die Versuchung ist groß, sich an das zu halten, was alle machen. Oder die meisten.

Wir haben die Qual der Wahl. Und die Freiheit dazu. Gott sei Dank!

Wahlkämpfe haben die Tendenz, schwierige Sachverhalte so weit zu verkürzen, dass sie nur noch schwer erkennbar sind. Populisten aller Couleur, ob „rechts“, „links“ oder „öko“, eint, dass sie maßlos übertreiben. Der politische Gegner und Mitbewerber im demokratischen Prozess wird zum „Feind“ erklärt. Halbwahrheiten werden zu Schreckgespenstern aufgebaut. Das erzeugt erheblichen Pulverdampf und Nebel. Und es eröffnet den populistischen Trick, als „Robin Hood“, als hell glänzende Rettergestalt zu erscheinen. Das ist leicht durchschaubar, findet aber (leider) dennoch seine Fans und Abnehmer.

Um entscheiden zu können, brauchen wir jedoch klare Sicht – und vernünftige Kriterien. Denn: wir wollen und müssen prüfen können, was gut und richtig ist. Für uns, für unsere Kinder und Enkelkinder. Wie kann das gehen?

Mitte des 1. Jahrhunderts n.Chr. schrieb der Apostel Paulus einen „Hauptstadt-Brief“, an die kleine, bedrohte Christengemeinde in Rom.

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römerbrief 12,2)

Was empfiehlt er? „Liebe Leute von heute, ich bitte euch: Keine gedankenlose Gleichstellung mit dem, was man sonst so tut! Die Überwindung der SED-Diktatur begann mit dem Mut zur Wahrheit. Gegen den Mainstream. Ihr erinnert euch? An die Auswertung der so genannten Kommunalwahlen 1989? Das war der Anfang vom Ende der Gleichschaltung!“

Im Brief selbst heißt es: „Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt…“. Diese Sinnesänderung geschieht im Gebet. Und im Gespräch. In der Familie, im Freundeskreis, im Feuerwehr- oder Karnevalsverein, in der Kirchengemeinde. „Paulinische Prüfsteine“ könnten so aussehen:

Welchem Kandidaten traue ich zu, dass er oder sie die Courage hat, sich „nicht der Welt gleich zu stellen“? Welcher (Kommunal- oder Europa-)Politiker meidet die populistische Versuchung? Bei wem habe ich erlebt, dass er oder sie sorgfältig die Fakten, Argumente und Interessen prüft?

Auf solche Zeitgenossen fällt meine Wahl. Ihnen kann ich meine Stimme geben. Ihnen traue ich zu, dass sie verantwortlich damit umgehen. Am sympathischsten sind mir jene Kandidaten, die erkennbar danach suchen, was gottgewollt und menschengemäß ist:  „...nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Pfarrer Dr. Thomas A. Seidel, Weimar/ Ichtershausen