Fürchte dich nicht
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie vieles du tagtäglich aus Angst, aus Furcht tust?
Wie vieles, was Menschen tun oder unterlassen, wirklich aus freier Entscheidung geschieht, von der doch überall schwadroniert wird? Wie viel mehr tun wir doch aus Angst! Da unterscheidet sich der Politiker, der fürchtet, nicht wiedergewählt zu werden, in nichts von dem Arbeiter, der Angst hat, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Sicher, der eine fällt sehr weich, der andere prallt hart auf.
Ich vermute, schon ein kurzes Nachdenken würde uns schlagartig bewusst machen, welche Rolle Angst und Furcht in unserem Leben spielen, im Leben des Einzelnen und in der Gemeinschaft. Früher haben sich die Menschen vor Naturgewalten gefürchtet, haben alles unternommen, um die Natur zu beherrschen. Heute sollen wir Angst haben, gerade vor dieser Herrschaft über die Natur - obwohl wir der Naturgewalten durchaus nicht Herr geworden sind.
Über Jahrhunderte haben die Menschen von Nahrung in Hülle und Fülle geträumt. Heute haben wir einen Überfluss an Nahrungsmitteln – vor deren Verzehr wir uns aber nur zu oft fürchten, oder fürchten sollen. Und da ist die Angst um den Sinn des Lebens. Wozu bin ich da, so wie ich bin? Wie viele Menschen, gerade junge, die endlos Bewerbungen geschrieben haben, fragen sich das, wenn die nächste Absage ins Haus trudelt.
Vor diesem Hintergrund kommen uns die Worte aus der Bibel ganz nah, die uns für die kommende Woche zugesagt werden:
Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich rufe dich beim Namen, mein bist du!
Menschen, die ausgesprochen, geklagt haben, daß Furcht ihr Leben bestimmt, erhalten damit eine Antwort, die freilich ganz anders klingt als die Parolen, mit denen wir täglich zugedröhnt werden.
Die Antwort setzt ein mit dem Zuspruch: „Fürchte dich nicht!“ Wer so spricht, nimmt unsere Furcht ernst. Und er weiß, wir Menschen können das nicht selbst mit unserem angeblich freien Willen. Wir können die Angst leugnen, verdrängen - überwinden können wir sie nicht. Mehr als das Liedchen, das ein Kind auf einer Nachtwanderung singt, kommt da nicht raus.
Darum sagt er: Fürchte dich nicht. Es ist auffällig, wie oft dieser Ruf in der Bibel ergeht, in beiden Teilen, in der hebräischen Bibel und im Neuen Testament. Zunächst hört sich das wie ein Befehl an: „Nimm dich zusammen“, „sei standhaft“, „sei ein Mann“. Doch wer das Gelesene bedenkt, erkennt hier eine Zusage, die frei macht.
Wer genau hinhört, erkennt: Hier spricht keiner, der mich auf billige Art vertrösten will, auch keiner, der meine Angst ausnutzen will. Hier spricht der, der allein den Willen und die Kraft hat, mich aus meiner Angst zu befreien. Das haben die Gefangenen in Babylon erfahren, das kannst auch du erfahren.
„Fürchte dich nicht“, das sagt er, der nicht will, daß wir in unserer Angst, in unserer Furcht zugrundegehen. Das sagt er, der einen neuen Weg weist, wo alles zu Ende scheint.
Möge sein Zuspruch viele Menschen erreichen!
Dr. Udo Huß, Pfarrer i. R., Ilmenau