05.12.2022
Abschied mit Zuversicht

Lebendige, aktive Gemeinden hinterlässt Fred Klemm nach seiner Einschätzung in seinem Pfarrbereich, wenn er Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand geht.

„Viele Kreise und Aktivitäten laufen schon lange ohne mich; ich bin dort nur noch Gast“, freut sich der Pfarrer, der auf ein 25jähriges Wirken in Großbreitenbach und Umgebung zurückblicken kann.

Und dabei war dem 65Jährigen die Theologen-Laufbahn alles andere als „in die Wiege gelegt“ worden: Aus einfachen Verhältnissen stammend, wuchs er im ostthüringischen Saalfeld auf und absolvierte in den 1970er Jahren an der Medizinischen Fachschule in Gera die Ausbildung zum Arbeitsschutzinspektor. „Ich wollte was mit Menschen machen, aber dieser Beruf war vor allem technisch orientiert“, erklärt Klemm seine Hinwendung zu einer kirchlichen Laufbahn.

Viel gravierender sei für ihn aber sein ständiges „Anecken mit dem DDR-Staat“ gewesen. Hier seien ihm durch die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 endgültig die Augen geöffnet worden. Doch auch Gespräche mit den – für die DDR äußerst unbequemen – Pfarrern Walter Schilling und Ludwig Große hätten ihn darin bestärkt, an der Predigerschule in Erfurt Theologie zu studieren.

Sein Vikariat, d.h. den Praxisteil des Theologiestudiums, absolvierte er 1984–87 in Manebach bei Ilmenau, wohin ihn die damalige Thüringer Landeskirche entsandte. Dort betreute er zahlreiche DDR-Bürger seelsorgerisch, die in die damalige BRD ausreisen wollten, darunter nicht wenige mit gravierenden Erkrankungen. Und obwohl er sie zum Bleiben in ihrer Heimat zu bewegen suchte und selbst nie an Ausreise dachte, fing das MfS an, ihn zu überwachen, hörte sein Telefon ab. „Das Studium meiner Stasi-Akte machte deutlich, dass die Wende für mich und meine Familie nicht zu früh kam“, meint Klemm rückblickend, der aufgrund seiner geradlinigen Haltung immer wieder mit dem SED-Staat Schwierigkeiten bekam.

Doch Aufgeben scheint für Fred Klemm keine Option zu sein: Obwohl ihn die Manebacher Kirchengemeinde in seiner Erinnerung anfangs regelrecht ablehnte, blieb er dort volle zehn Jahre und wechselte erst 1997 zur Pfarrstelle nach Großbreitenbach. Hier hatte er mit Tabea Fischer eine Gemeindepädagogin an seiner Seite, der eine lebendige Gemeinde mindestens ebenso am Herzen lag wie ihm. Egal ob CampingKirche, „Der andere Gottesdienst“ oder ganz normale Gemeindekreise: Stets war beiden wichtig, selbstbewusste, aktive Christen zu fördern und zu stärken, getreu ihrem Motto: „Was ein anderer machen kann, mache ich nicht selber.“

Daher ist sich der Pfarrer sicher, dass das Gemeindeleben auch nach seinem Weggang weitergeht, allerdings: „Die Leute müssen lernen zu kommunizieren. Und eine lebendige Gemeinde muss gut strukturiert werden“, hat Klemm erfahren. Er plädiere sehr dafür, die Pfarrer in Zukunft von Tätigkeiten wie Geschäftsführung oder Bauaufsicht systematisch zu entlasten, so dass sie sich wieder ihren Kernaufgaben – Verkündigung, Seelsorge und Anleitung Ehrenamtlicher – widmen können. Der Theologe ist sich sicher: „Dann zieht es auch wieder junge Pfarrer aufs Land.“

Sein Christsein hat Klemm nie als auf die Kirchenmauern beschränkt verstanden – bis heute nicht: Seit 1989 engagierte er sich in verschiedenen politischen Gruppierungen, war fast dreißig Jahre lang Abgeordneter des Kreistages in Arnstadt, war jahrelang in den Leitungsgremien von Arbeiterwohlfahrt, Mieterbund und Jugendhilfeausschuss tätig: „Mein Arbeitsplatz war der ganze Ilm-Kreis, nicht nur die Kirchengemeinden: So konnte ich nahe bei den Menschen sein und ihre Sorgen und Nöte in meine Predigten aufnehmen“, meint Klemm zufrieden.

Für den Ruhestand hat er sich das Einrichten einer neuen Wohnung in der Nähe seiner Kinder und Enkel und den Besuch einer Snooker-Weltmeisterschaft (eine Spielart des Billards) vorgenommen. Was ihn daran fasziniert? „Der Seelenzustand entscheidet, ob du gewinnst“, meint der Pfarrer mit einem hintergründigen Lächeln.