Vom ungelebten Leben
Vor kurzem las ich die Meldung von dem Unfall: überhöhte Geschwindigkeit, Überholvorgang trotz eingeschränkter Sicht, das entgegenkommende Fahrzeug.
Der Fahrer darin, er hatte keine Chance. Dann ein paar Tage später die Annonce in der Zeitung: das Bild und der Name des Jungen, 22 Jahre … in unsagbaren Schmerz … Deine Eltern, die Freundin, der Bruder und die Großeltern. Eine Extra-Annonce der Abschlussklasse, wir werden dich nie vergessen.
In Deutschland sterben täglich acht Menschen durch einen Verkehrsunfall wie diesen. Und es ist nicht das einzige schlimme Ereignis, das geschehen kann und infolgedessen das Leben in kurzer Zeit auslöscht. Die Grabsteine, an denen wir vorbeigehen, sie zeugen stumm und unbestechlich von den Brüchen und Abbrüchen unseres Lebens.
Vielleicht geben sie ja auch den Blick frei und lassen uns neu wertschätzen, was ist: dass ich lebe; dass ich atme; dass ich arbeite, dass ich von lieben Menschen umgeben bin. Vielleicht lassen sie uns auch fragen nach dem, was wäre, wenn mein Name dort stünde, weil ich nur noch geraume Zeit zu leben hätte? Wozu würde ich dann die mir verbleibende Zeit nutzen? Mit welchen Menschen wollte ich sie gerne verbringen? Mit wem noch einmal sprechen, um Dinge auszuräumen, die noch zwischen uns stehen? Halte ich dem stand, wie mein Leben verlaufen ist?
„Ich würd’s wieder genauso tun“, singt Udo Lindenberg. Kann ich da mitsingen? Oder wie anders klingt mein Lied? Udo hat ja recht: So manches erfüllende Ereignis ruft nach Wiederholung. Aber es bleibt dabei, was die Grabsteine erzählen: Das Leben lässt sich nicht wiederholen. Es lässt sich nur weiter vertiefen, indem ich Kraft und Liebe und Zeit an der für mich richtigen Stelle investiere. Und immer mehr in Berührung komme mit meinem Selbst, meiner Seele und mit meinem Herzen. Um wachsamer zu sein, fähig, im Augenblick zu leben.
Denn, so erzählt es Jesus: es gibt ein „zu spät“ schon mitten im Leben. Betrauern sollte man dann nicht so sehr den Tod, sondern dass jemand nicht gewagt hat zu leben. Und dann? Was ist, wenn dann wirklich unser letzter Tag kommt und die Lebensuhr stillsteht?
Es macht für mich einen Unterschied, in welcher Perspektive Menschen sterben. Ob sie meinen, in ein dunkles „Nichts“ zu gehen. Oder ob sie darum wissen dürfen, dass Gott selbst noch im Tod für sie da ist. Weil jeder Mensch auf eine Zukunft hoffen darf, deren Meister nicht er selbst ist. Und dass sich im Lichte einer solchen Zukunft, dem Advent Gottes, mein Leben unendlich vertiefen kann. Und kein Mensch sich mehr wünschen muss, er wäre lieber nicht da.
Thomas Kratzer, Pfarrer im Marienstift Arnstadt