Vom Friedenstiften

„Selig sind, die Frieden stiften…“ Mt 5,9

Sehr viele Christen meiner Generation auch in diesem Teil Deutschlands  trugen das Symbol der zu Pflugscharen umgeschmiedeten Schwerter entweder an ihren grünen Kutten oder wenigstens an ihrem Jugendzimmerwänden. Friedensbewegt und um den Frieden besorgt zu sein, war notwendig, um den Glauben nicht weltfremd zu leben. Wie  Frieden in die Welt kommt, glaubten wir zu wissen. Verknotet die Revolverläufe! Schmiedet die Schwerter zu Pflugscharen um! 

Heute im Jahr 2025 sind in meinem Kopf solche Gewissheiten fraglich geworden. 
„Selig sind, die Frieden stiften...“ – Kaum ein zweites Bibelwort wird  in dieser Zeit öfter zitiert als dieses. Es wird bezweifelt, umgedeutet, zum Fake gemacht und vereinnahmt . Es wird missbraucht, zu laut gebetet und bezweifelt.

Wenn Jesus es sagt , ist es  eindeutig und klar. Er scheut keine Konsequenz für sich selbst, um Frieden zu leben. Er hielt dem Schläger auch die andere Wange hin und machte der Gewalt so ein Ende. Er ließ sich nicht durch seinen Jünger Petrus aus der Gefahr „heraushauen“, als  man ihn verhaftete. Er starb am Kreuz, ohne seine Peiniger zu verfluchen.

Mir aber stellt sich eine schwere Frage: Hätte Jesus zugesehen, wenn sein Nachbar erpresst und erschlagen wird?  Begnügte er sich empathielos damit, letzte „Wahrheiten“ zu sprechen, wenn Menschen in Not gerieten? Die Wirklichkeit der Welt, in der ich verängstigter Mensch  hier und heute leben muss, lässt ein widerspruchsloses Leben nicht zu. Selbst ein wütender Jesus warf die Geschäftemacher aus dem Tempel. Ein rasender Petrus zog schon am Schwert, um Jesus zu schützen.

Ich  könnte  hier leicht über Feindesliebe und Wangen-Hinhalten schreiben. Ich sitze sicher vor meinem Computer. Ob ich jedoch zurückschlage, wenn einer mir oder meiner Familie den Tod androht, weiß ich erst wirklich, wenn es so weit gekommen ist -  keine Minute  früher. Gott möge mich davor bewahren!

Für  Frieden sind wir fast alle. Den überfallenen, zerbombten Ukrainern zu raten, einfach die weißen Fahnen zu schwingen, ist aber nicht nur weltfremd, sondern ohne Mitleid und voller Eigennutz. „Frieden stiften“ ist anders, ist  mehr und komplizierter als nur Frieden zu fordern, um selber den eigenen Seelenfrieden zu behalten.

Wer unter uns sind die wirklichen, alltäglichen, ängstlichen und mutigen Friedensstifter? Wem gilt Gottes Segen? Demokraten sind Friedenstifter. Sie halten den Streit im Großen und Kleinen aus, um einen Kompromiss zu erreichen, mit dem alle leben können.Demokraten wissen um die Unvollkommenheit der Politik. Aus demokratischen Parteien unseres Landes hörte ich bis heute  noch keine „Kriegstreiberei“, was erstaunlich und Grund zur Hoffnung ist.

Kranken- und Altenpflegerinnen und Pfleger schaffen tagtäglich Frieden, wenn sie Not lindern. Soldaten - ja Soldaten -  können Frieden stiften, wenn sie Gewalt abwehren und eindämmen. Einen besseren Weg, Aggressoren zu stoppen, kenne ich nicht.

Die Armen in unserer geteilten Gesellschaft sind alltägliche Friedensstifter, wenn sie ihre Wut beherrschen und uns ihre Not dennoch vor Augen halten, damit wir sie beenden.
Eltern und Großeltern sind Friedensstifter, die ihre Liebe an ihre Kinder weitergeben…

Wir alle können Frieden stiften, wenn wir es schaffen, einander zuzuhören und gewaltfrei miteinander zu reden. Unser aller Meinungen gehen weit auseinander. Einander respektvoll ernst zu nehmen ist nicht mehr leicht, ist harte Arbeit, die getan werden muss und kann.
Wir Christen haben anderen Leuten da wenig voraus. Wir kämpfen mit den Ängsten der Zeit und des Lebens wie sie.

Eines aber können wir in unserem Glauben finden, was vielen  fremd geworden ist:
Gottvertrauen. Vom „Friedenstiften“ wird in den Kirchen am Ende des Kirchenjahres gepredigt. In diesen Wochen geht es darum , wie wir unsere Lebenszeit nutzen, denn Gott ist das nicht egal.

Vollkommenheit erwartet Gott von uns nicht. Aber wir müssen tun, was wir können: Selbst  Frieden halten, laut Frieden fordern und mit Hoffnung und Mut Frieden erstreiten.

Andreas Müller, Pf.i.R. (ehem. Direktor Marienstift Arnstadt)