Jesus sieht uns
„Ich kenne noch Ihren Großvater“, sagt mein alter Professor, den ich in meinen Urlaubstagen besuche.
Vieles verbindet uns. Jahre an der Universität, aber auch Jahre davor und danach. Krisen und auch besondere Lebensstationen; und immer angenehme Gespräche. Es ist ein bißchen, als würde ich nach Hause komme. Im Gespräch lassen wir die letzten Jahre Revue passieren. Na klar, es geht um dies und das, um diesen und jenen, um diese und jene. Es geht um geschriebene Bücher und vielerlei Gedanken, Einstellungen und Schicksale.
Als wir gerade so mitten im Gespräch sind und die alten Zeiten wach geworden sind, sagt er zu mir: „Ja, wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes.“ Huch, denke ich bei mir, klar, den Satz kennst du. Am Ende des Kirchenjahres, wenn draußen alles grau in grau ist, dann erklingt er in den Kirchen und gibt den Ton vor. "…offenbar werden", klingt es in mir nach. Oft genug habe ich über diesen Satz gepredigt; jetzt; in diesem Gespräch passt er ganz und gar. Und jetzt klingt er wohlmeinend. Natürlich, denke ich, was ich bin und wie ich bin, was ich denke und was ich glaube, dass steht alles irgendwann einmal in einem Licht.
Eine kurze Pause füllt den Raum. Ich merke, dass in mir kurz der Gedanke auftaucht: Vielleicht sehen wir uns gar nicht mehr so oft; vielleicht ist es ja das letzte Gespräch, das wir miteinander haben. Dann sind diese kurze Pause und dieser Gedankensplitter wieder weggeblasen. Unser Gespräch geht weiter. „Oh, ich muss jetzt aber los; meine Familie wartet“, sage ich, als die Zeit vorangeschritten ist. „Schön, dass wir uns gesehen haben“, sage ich an der Tür.
„Schön, dass Jesus uns sieht“ - sagt mein Gesprächspartner; stimmt, denke ich, ja, das ist doch gut so. Es ist doch gut, dass da einer führt und leitet und dass wir mit all dem, was zu uns gehört, irgendwann einmal offenbar werden dürfen - vor ihm. Ja, das wird wie ein freudiges, freundliches Gespräch sein. Wie ein Besuch bei einem Freund, der mich schon lange kennt; der mich von Urzeiten her kennt. Wie dieses Gespräch wird es sein, das ich gerade erlebt habe. So schön.
Mathias Rüß, Pfarrer in Arnstadt