Durchblick

„Für meine Zukunft sehe ich blau“, sagte einst zuversichtlich die sympathische junge BHW-Bausparerin in einer Werbung und trug dabei eine blaue Brille.

„Für meine Zukunft sehe ich schwarz“, sagt resigniert manch einer, der schon seit langer Zeit arbeitslos ist und die Hoffnung auf eine neue Arbeit fast aufgegeben hat. „Da hab ich nur noch rotgesehen“, sagt der angeklagte Schläger vor Gericht, um damit seine Tat zu entschuldigen.

Solche und andere Redewendungen machen deutlich, dass Sehen zweifellos eine wichtige Sinneswahrnehmung ist. Die Welt in ihren vielfältigen Farben wahrnehmen und sehen zu können, ist ein Geschenk. Manch einer sieht von Geburt an wirklich nur „schwarz“, weil er blind geboren wurde. Doch auch wenn wir uns unseres Augenlichtes erfreuen können, „sehen wir“ manchmal doch nicht klar, sehen „nicht mehr durch“.

Die Fülle der Möglichkeiten überfordert uns, wenn wichtige Entscheidungen anstehen. Und bei manch einem Problem stehe ich vielleicht „wie blind“ vor einer ganz einfachen Lösung. In solchen Situationen ist es gut, wenn da einer ist, der mir sagt: „Ich sehe was, was du nicht siehst.“

Gerhard Schöne hat dieses beliebte Kinderspiel aufgegriffen und ein Lied geschrieben, dass uns Mut macht, uns gegenseitig beim Sehen zu helfen. In der ersten Strophe heißt es da: „Ich sehe was, was du nicht siehst, das macht mir Mut. Und du siehst etwas anderes, und das ist gut. Wenn du nur schwarzsiehst, sehe ich vielleicht ein Licht. Und du entdeckst, wonach ich such und find es nicht.“

Diese Zeilen machen Mut, miteinander ins Gespräch zu kommen, wo man ratlos ist, machen Mut, sich gegenseitig „Wahrnehmungshilfe“ zu leisten, wo man allein nicht mehr durchsieht oder „keinen Ausweg sieht“.

Wir müssen nicht schwarzsehen, auch nicht einfach wegsehen von den eigenen Schwierigkeiten oder den Problemen unserer Welt, sondern können gemeinsam Dinge klarer sehen, gemeinsam entdecken, wo uns der Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben vielleicht verstellt ist.

Ich wünsche uns, dass wir in solcher Weise füreinander da sind und gemeinsam mit offenen Augen durchs Leben gehen. Vielleicht öffnet sich dann auch an manchen Stellen noch stärker unser Blick für die kleinen und großen Wunder im alltäglichen Leben.

Matthias Schubert, Pfarrer im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau